Im Nebel

Hermann Hesse, 1877 - 1962

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein.
Kein Baum sieht den andern,
jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
als noch mein Leben licht war;
nun, da der Nebel fäll,
ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
der nicht das Dunkel kennt,
das unentrinnbar und leise
von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
jeder ist allein!

Tübingen - Dorf am Neckar

Dort am Neckar, zwischen frisch ergrünten Trauerweiden verborgen, liegt der gelbe Turm, in dem Hölderlin, in seiner eigenen Welt versunken, sein halbes Leben verbracht hat, mit Blick auf die Stadt, die Wiesen, den Fluss. Viele Dichter haben ihn besucht, Schaulustige, Leser, die meisten fanden ihn geistesabwesend, höflich. "Mein Herr, mein Herr", sagt er, manche hat er "hinter den Ofen gebrüllt", wie es heißt. Einmal kam auch Eduard Mörike zu Besuch, nein er kam öfter, aber diesmal mit seinem Freund, dem Dichter Wilhelm Waiblinger, der den versunkenen Hölderlin oft hinauf, auf die Wielandshöhe führte, in einen chinesischen Turm mit Blick über die Alb. "Oben angelangt, und ins Zimmer eintretend, verneigte sich Hölderlin jedesmal, indem er sich meiner Gunst und Gewogenheit aufs Angelegentlichste empfahl", schrieb Waiblinger später. Hölderlin schritt ans Fenster, schaute hinaus, beschrieb, was er sah, lobte, was er sah, dann, so Waiblinger, "setzte er sich an mein Pult, fing an ein Gedicht zu schreiben: der Frühling, schrieb aber nur 5 gereimte Zeilen und übergab sie mir mit einer tiefen Verbeugung."

Waiblinger war erschüttert und glücklich und stolz. Den Frühling hatte der entrückte Hölderlin bedichtet, für ihn. Wir wissen nicht genau, welches Frühlingsgedicht er an diesem Tag dem Freund überreichte. War es dies? "Der Mensch vergißt die Sorgen aus dem Geiste, der Frühling aber blüht, und prächtig ist das meiste, das grüne Feld ist herrlich ausgebreitet, da glänzt schon der Bach hinuntergleitet. Die Berge stehn bedecket mit den Bäumen, und herrlich ist die Luft in offnen Räumen. Das weite Tal ist in der Welt gedehnet und Turm und Haus an Hügeln angelehnet." Waiblinger jedenfalls war vom Frühlingsglück beseelt. Sein Begleiter Mörike weniger. Auch er schätzte Hölderlin, doch war ihm der hohe Ton auch unheimlich. Über den "Hyperion" hatte er geurteilt: "so krank, so pusillanim (kleinmütig), hypochondrisch und elend". Und vielleicht nahm er in diesem Frühling das Jahreszeitengedicht Hölderlins besonders kritisch auf, weil er selbst ein Gedicht über den Frühling geschrieben hatte - nicht irgendeines, sondern das Gedicht, das bis heute eines der populärsten und schönsten Gedichte über den Frühling geblieben ist. Kurz zuvor, es war noch Winter, hatte er es geschrieben, das er später in den "Maler Nolten" einfügen wird. Das Gedicht mit dem Fanfaren-Titel "Er ist´s", und das geht (Sie wissen es ja, aber es muss hier unbedingt noch einmal stehen) so: "Frühling läßt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte; / Süße, wohlgekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land. / Veilchen träumen schon, / Wollen balde kommen. / Horch, von fern ein leiser Harfenton! / Frühling, ja du bist´s! / Dich hab ich vernommen."

Das blaue Frühlingsband, ein Dichter, der die Träume der Veilchen unter der Erde kennt und die neue Jahreszeit als musikalische Ahnung aus der Zukunft herüberklingen hört. Das ist Tübingen im Frühling. Ein Traum. In diesen Tagen, abends auf den Treppen vor der Stiftskirche, junge Menschen in Gruppen, Flaschenbier, Gitarren statt Harfen, da ahnt man nicht nur den Frühling, da ist man mittendrin. Hier, am Holzmarkt, hat Hermann Hesse seine Buchhändlerlehre gemacht, hier verfasste er den "Hermann Lauscher", das Frühlingsbuch, in dem er schreibt: "Da waren helle Morgen, an denen ich, ins Gras gestreckt, den Kopf auf den Händen, über das von Sonne flimmernde, gekräuselte Meer der Gräser hinwegschaute, in welchem rote Inseln von Mohn, blaue Glockenblumen und lilafarbene von Schaumkraut lagen." Natürlich hat dieser Hermann Hesse auch über die drei Dichter geschrieben, hier, in Tübingen, über Waiblinger, Mörike, Hölderlin, ihre Wanderungen, ihr Schauen in die Natur, ihr Naturbedichten. "Im Presselschen Gartenhaus" heißt die Erzählung. Und er selbst bedichtet darin das scheinbar Unveränderliche, das ewige Grün, die Stadt, so, wie er sie sah, wie Hölderlin sie schon sah und wie sie heute auch noch ist: "Ein schöner, freudiger Frühlingsommertag war über die Alb heraufgestiegen und stand festlich über der Stadt Tübingen, über Schloß und Weinbergen, Neckar und Ammer, über Stift und Stiftskirche, spiegelte sich, zarte Wolkenschatten über das grellsonnige Pflaster des Marktplatzes."

Es ist nicht leicht, hier, in Tübingen, im Frühling nicht in zu hohem Ton zu jubeln. Aber es ist einfach unglaublich schön und idyllisch und grün und alt und weich. Die Grillgruppen im Alten Botanischen Garten, die Jonglierer, Debattierer, Sänger, all die Menschen, die wirken, als wären sie sechs Monate lang eingesperrt gewesen in ihren Wohnungen, und das waren sie ja auch, und jetzt tanzen sie heraus und entdecken sich und die Welt wie neu. Wer weiß, wie lang der Frühling dauert, wie viele Frühlinge noch kommen. Denn, auch das hat Hölderlin in Tübingen gedichtet, den Abschied vom Frühling für immer, in diesen Zeilen: "Das Angenehme dieser Welt hab´ich genossen. Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen. April, Mai und Julius sind ferne, ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne!"

Der Frühling soll siegen. Er ist´s. Er bleibt´s. Arbeiten kann man später noch. Oder gar nicht mehr. Lieber Gedichte lesen, Veilchen beim unterirdischen Träumen zusehen, an den Neckar reisen, Botschaften schreiben, grillen, dichten, schauen, feiern. 

 

Gäbe es einen Preis für die Faulfotografen-freundlichste Stadt Deutschlands, Tübingen trüge ihn mühelos davon. Sie steigen aus dem Zug, halten sich rechts, biegen links in die Karlstraße ab, schlendern weiter zur Eberhardsbrücke - schon liegt die Schönstseite der Stadt instagrammierfertig für Sie bereit. Anderswo müssten Sie für so was auf die Berge kraxeln oder mit dem Tretboot an eine ganz bestimmte Stelle im Stadtparksee manövrieren. Also schnell das Pflichtfoto knipsen, das man heute von allen Unternehmungen braucht. Sieht ja auch schön aus, wie sich die pastellfarbenen Häuser eng aneinanderdrücken. Erinnert an die Bottiche in der Auslagentheke einer Eisdiele: Erdbeer, Waldmeister, Mokka.

Links unten klebt der Hölderlinturm dran, bleichgelb wie ein Reclam-Heft, das zu lange in der Sonne gelegen hat, vor Beginn der Semesterferien auf einer Parkbank vergessen. Solche Vergleiche fallen einem ein, wenn man vom Fotografierplatz in die mächtige Platanenallee schaut. 

Tübingen hat keine Universität, Tübingen ist eine Universität, sagt man hier gerne. Es ist jedenfalls eine Kulisse, die Trost spendet für alle, die ihren Abschluss in Bochum oder Hamburg gemacht haben. Ein kleiner Spaziergang - und schon glaubt man sich in einer Zeit, als die Studenten noch sangen.

Dazu muss man nun allerdings doch ein bisschen klettern: Wechseln Sie die Straßenseite, und steigen Sie die Treppen hoch zum Österberg. Hier oben liegen die Häuser der Studentenverbindungen - stattliche Villen mit applizierten Erkern und Türmchen. Spazieren Sie vorbei an Stuttgardia und Franconia, und schlendern Sie dann eine Schleife entlang der Stauffenbergstraße zu Rhenania, Normannia und all den anderen - ias. Versuchen Sie - Hefte raus, unangekündigter soziologischer Praxistest! -, anhand der Äußerlichkeiten ihrer Bewohner Rückschlüsse auf den Liberalitätsgrad der jeweiligen Verbindung zu ziehen.

Steigen Sie dann wieder hinab zur Altstadt, dieses Mal nicht über die Treppen, sondern entlang der Doblerstraße. Ein Gebäude auf Ihrer linken Seite ist spektakulär mit Stacheldrahtrollen verwundert - kein Schutz vor Einbrechern, sondern vor Ausbüxern, hier ist die Außenstelle der Rottenburger Justizvollzugsanstalt untergebracht. Gleich daneben, damals praktisch, heute makaber: die alte anatomische Abteilung der Universität, wo man die Körper verstorbener Häftlinge aufschnitt.

Am Fuß des Österbergs angekommen, halten Sie sich rechts, queren vorsichtig die Straße, um nicht von den radelnden Studentenrudeln überfahren zu werden, und spazieren über den Stadtgraben in die Nonnengasse. Hier machen Sie Pause im Café Binder, einer der schönsten gastronomischen Schneekugeln der Stadt. Das Cafè wurde Mitte der siebziger Jahre eröffnet, doch die gelben Plisseelampen und roten Ledersessel dürften noch aus den Sechzigern stammen. Die adrett-kantige Atmosphäre bietet den idealen Rahmen für Besuche besorgter Eltern, die Sohn oder Tochter zu mehr Fleiß beim Studium anhalten wollen. Bei jedem Binder-Besuch kann man mindestens einen dieser Bummelanten entdecken, wie er mit duldsamer Miene, Torte mümmelnd, den Sermon über sich ergehen lässt.

Nach der Kaffeepause spazieren Sie über die Lange Gasse hoch zur Stiftskirche. Dann weiter in die Münzgasse, um ein feines Beispiel für studentischen Humor zu besichtigen: An einem Studentenwohnheim ist ein Schild mit der Aufschrift "Hier kotzte Goethe" angebracht - eine Parodie auf die Gedenktafel am nahen Cotta-Haus, wo der Dichter für eine Weile einquartiert war und zum Dank in einem Brief, nun ja: abkotzte. Die Umgebung sei ja ganz hübsch, aber die "Stadt selbst ist abscheulich".

Bevor Sie das auch noch so sehen, machen Sie lieber kehrt. Sie haben ja Ihr Beweisbild im Speicher und ein Stück Kuchen im Bauch. Dazu die tröstliche Gewissheit, dass sich bis zum nächsten Besuch nichts Wesentliches verändern wird. Studienziel erreicht.