Die Kapelle

Ludwig Uhland, 1787 - 1862

Droben stehet die Kapelle,
schauet still in’s Thal hinab,
drunten singt bei Wies’ und Quelle,
froh und hell der Hirtenknab’.

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
schauerlich der Leichenchor;
Stille sind die frohen Lieder,
und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
die sich freuten in dem Thal;
Hirtenknabe, Hirtenknabe!
Dir auch singt man dort einmal.

Freundschaft

Friedrich Hölderin, 1770 - 1843

Wenn Menschen sich aus innrem Werte kennen,
so können sie sich Freunde nennen. 
Das Leben ist den Menschen so bekannter, 
sie finden es im Geist interessanter. 
Der hohe Geist ist nicht der Freundschaft ferne, 
die Menschen sind den Harmonien gerne 
und der Vertrautheit hold, dass sie der Bildung leben, 
auch dieses ist der Menschheit so gegeben.
Mit Untertänigkeit-Scardanelli!  

Liebe

Margarete Hannsmann (1921 - 2007

Solang du sie machs
tsolang du in bist
solang du meinst
das ist´s
weisst du die Hälfte.
Erst wenn du out bist
den Mond anheulst
als Steppenwolf
durch die Strassen
schnürst.
Weil du sie suchst
weil du sie nicht findest
weil du´s nicht kriegst
besitzt du sie ganz
wirst du ganz von ihr besessen.

Ich habe Leute über Hölderlin reden hören,
die mit ihm nicht geredet hätten.
Mit denen will ich nicht reden.

Wer weiss?

Johann Georg Fischer, 1816 - 1897

Wer weiss, wenn ihm ein Glück geboren,
wie reich der Himmel ihn begabt?
Erst wenn du alles hast verloren,
dann weisst du, was du lieb gehabt.

Kein Herz mag seinen Schatz ermessen,
so lang er ihm gegeben ist,
und du erfährst, was du besessen,
erst wenn du ganz verlassen bist.

Die Zufriedenen

Ludwig Uhland, 1787 - 1862

Ich sass bei jener Linde
mit meinem trauten Kinde,
wir sassen Hand in Hand;
kein Blättchen rauscht im Winde,
die Sonne schien gelinde
herab aufs stille Land.

Wir sassen ganz verschwiegen
mit innigem Vergnügen,
das Herz kaum merklich schlug.
Was sollten wir auch sagen?
Was konnten wir uns fragen?
Wir wussten ja genug.

Es mocht uns nichts mehr fehlen.
Kein Sehnen könnt uns quälen,
nichts Liebes war uns fern;
aus liebem Aug ein Grüßen,
vom lieben Mund ein Küssen
gab eins dem andern gern.

Abend

Johann Georg Fischer, 1816 - 1897

Endet schon des Tages Leben
und sein ganzes Glück?
Töne und Gestalten schweben
in sich selbst zurück.

Zwischen Wachen, zwischen Träumen
trinkt die Seele schon,
zugeweht aus andern Räumen,
leisen Harfenton.

Breite nun, du Sternenschöne,
atemstille Nacht,
deine Schleier und versöhne,
wo ein Leiden wacht.

Im Nebel

Hermann Hesse, 1877 - 1962

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein.
Kein Baum sieht den andern,
jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
als noch mein Leben licht war;
nun, da der Nebel fäll,
ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
der nicht das Dunkel kennt,
das unentrinnbar und leise
von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
jeder ist allein!

In der Frühe

Eduard Mörike, 1804 - 1875

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir
dort gehet schon der Tag herfür
an meinem Kammerfenster.
Es wühlet mein verstörter Sinn
noch zwischen Zweifeln her und hin
und schaffet Nachtgespenster.
 - Ängste, quäle
dich nicht länger, meine Seele!
Freu dich! schon sind da und dorten
Morgenglocken wach geworden.

Tübinger Burschenlied

Johannes A.C. von Kerner, 1786 - 1862

O Tübingen! du teure Stadt!
Bin deiner Weisheit voll und satt!
Ade! ihr alten Mauern!
Aus ist es mit dem Trauern!

Und aus wohl mit dem blanken Geld,
doch in der weiten, freien Welt
lebt stets der Bursche munter.
Juchhei! ins Tal hinunter!

Der Neckar rauscht,
die Sonn' nicht steht,
der Wind von Wolk' zu Wolke weht
und Storch und Reiher fliegen,
juchhei! in langen Zügen.

O Erde! wie bist neu du mir!
O Herz! wie regt es sich in dir
mit Jauchzen und mit Singen,
daß möcht' die Brust zerspringen.

Fahr aus, du Staub, der in mich kam,
Schulweisheit und du Bücherkram,
in alle Winde fliehe,
daß die Natur einziehe!

Herz! öffne dich nur weit, nur weit,
sieh, all die grüne Herrlichkeit
muß in dir Raum jetzt finden.
Ade! ihr Herrn dahinten.

Kunst oder Literatur

Hans Arnfrid Astel, geb. 1933

Kunst oder Literatur, eine zweite Natur,
an der du natürlich ebenso achtlos
vorüber gehen kannst.

Im Nebel ruhet noch die Welt,
noch träumen Wald und Wiesen:
bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
den blauen Himmel unverstellt,
herbstkräftig die gedämpfte Welt
in warmem Golde fliessen.

An die Rose

Friedrich Hölderlin, 1770 - 1843

Ewig trägt im Mutterschoße,
süße Königin der Flur,
dich und mich die stille,
große allbelebende Natur.
Röschen! unser Schmuck veraltet,
Sturm entblättert dich und mich;
doch der ew'ge Keim entfaltet
bald zu neuer Blüte sich.

Corona

Paul Celan, 1920 - 1970

Aus der Hand frisst der Herbst mir sein Blatt; 
wir sind Freunde. Wir schälen die Zeit aus den Nüssen
und lehren sie gehn: die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.


Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der
Strasse: es ist Zeit, dass man weiss!
Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt,
dass der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, dass es Zeit wird.

Es ist Zeit.

Am Neckar

Philipp Friedrich Silcher, 1789 - 1860

Am Necker, am Neckar,
do ischt e Jedes gern;
Wer d'Heimat hat am Neckar,
der sehnt se net in d'Fern',
Juhe! la la la lala la la la la,
der sehnt se net in d'Fern.

Am Neckar, am Neckar,
do grünt und blüht es fei,
Juhe, am liebe Neckar,
do wächst e guter Wei,
Juhe! la la la lala la la la la,
do wächst e guter Wei!

Am Neckar, am Neckar,
der Vogel fliegt und singt;
Er badet sich im Neckar,
sei Liedle net verklingt,
Juhe! la la la la la la la la la,
sei Liedle net verklingt.

Am Neckar, am Neckar,
bleib' i mei ganze Zeit,
und wo n'er rauscht, der Neckar,
sei au mei Grab net weit,
Juhe! la la la lala la la la la,
sei au mei Grab net weit.

Der Spaziergang

Friedrich Hölderlin, 1770 - 1843

Ihr Wälder schön an der Seite, am grünen Abhang gemalt.
Wo ich umher mich leite, durch süße Ruhe bezahlt.
Für jeden Stachel im Herzen, wenn dunkel mir ist der Sinn,
den Kunst und Sinnen hat Schmerzen gekostet von Anbeginn.
Ihr lieblichen Bilder im Tale, zum Beispiel Garten und Baum
und dann der Steg, der schmale, der Bach zu sehen kaum. 
Wie schön aus heiterer Ferne glänzt einem das herrliche Bild
der Landschaft, die ich gerne besuch`in Witterung mild. 
Die Gottheit freundlich geleitet uns erstlich mit Blau,
hernach mit Wolken bereitet, gebildet wölbig und grau.
Mit sengenden Blitzen und Rollen des Donners,
mit Reiz des Gefilds, mit Schönheit,
die gequollen von Quell ursprünglichen Bilds.

 

Ein Bankier auf der Flucht

Friedrich Christian Delius, geb. 1943

Ganz sicher, er war es. Vor kurzem noch im Fernsehn,
jetzt sehn wir ihn im Schwarzwald zu Fuss
und abgehetzt, Dreck an den Schuhn, sehn ihn allein
mit einem Koffer, Richtung Süden, kein Gespenst.
Schweiz oder Liechtenstein? Warum hat er nicht
wenigstens seinen Chauffeur bei sich und
den Mercedes? Warum nimmt er nicht die Bahn?
Warum vertraut er sich nicht einem ortskundigen Landwirt an?

Warum dieser ängstliche Blick, diese Hast?
Ein Wanderer würde anders laufen und ohne
diesen Koffer. Wer vor seiner Frau oder Geliebten
abhaut, haut nicht über Feldwege ab.
Warum schlägt er den Mantelkragen hoch?
Erschrickt der vor uns? Seit wann gehören
Bankiers zu den Angsthasen? Kommen jetzt noch mehr
flüchtende Bankchefs hier vorbei und stören
Spaziergänger auf? Schreiben wir das Jahr 74 oder
1929 oder 1986, oder was ist hier eigentlich los?

Tübingen 1964

(Friedrich Christian Delius, geb. 1943

Kaum wechselt April die Fakultät -
schon promoviert der Neckar
vor seinem breiten Auditorium
auf den belesenen Mauern.

Ein denkender Tag genügt:
Zitate und immer wieder Zitate.
Stift und Jens, Schloß und Bloch.
Hölderlin, Stipendium auf immer,
dreht sich im Turm und
sucht einen Reim auf Osiander.

 

fliegender robert

Eva Christina Zeller, geb. 1960

den schirm trag ich verkehrt herum
das herz häng ich zum trocknen auf
dehnbarer muskel
zieh ihn in form
nicht kreis ein rechteck soll es werden
papier darauf ich schreib
der sturm bricht los
erreich das haus mit müh und not
das herz hängt nun im wind
als ob darauf gebet -

Mittags

Paul Celan, 1920 - 1970

Mittags, bei Sekundengeflirr,
im Rundgräberschatten,
in meinen gekammerten Schmerz
- mit dir, herbei - geschwiegene, lebt ich
zwei Tage in Rom von Ocker und Rot -
kommst du, ich liege schon da,
hell durch die Türen geglitten, waagrecht -:
es werden die Arme sichtbar,
die dich umschlingen, nur sie.
Soviel Geheimnis bot ich noch auf, trotz allem.

 

So kam dieser Winter, der Frost

Heinz Czechowski, 1935 - 2009

Sass in den Scheiben, der Schnee
deckte die Narben der Erde.
Wir rauchten und tranken,
sprachen die Sprachen der Liebe,
hatten uns schliesslich und endlich
nichts mehr zu sagen.

Die Stille
setzte sich fest und wir hatten
Zeit, nacheinander Sehnsucht zu haben,
sentimentalisch
klang´s aus dem Radio, die Platten
kreisten schon lange im Leeren bis wir bemerkten
dass das Spiel aus war.

So kam dieser Winter. Er ging.
Nicht einmal Zeit liess er uns, zu bereuen.
Was wir taten, verziehen wir uns.

Zur Erinnerung an die Neckarbrücke

Wilhelm Hauff,1802 - 1827

Dort draußen auf der Brücke,
da liegt ein schönes Haus,
da fliegen Liebesblicke,
sie fliegen ein und aus.

Dort draußen auf der Brücke,
saßen wir wohl tausendmal,
da streiften unsre Blicke
hinab ins schöne Tal.

Wir sahn des Neckars Wogen
im Abendrot erglühn,
sahn, wie die Herden zogen
im jungen Wiesengrün.

Da zogen Herrn und Damen
an unsrem Blick vorbei;
Sie wurden, wie sie kamen,
gemustert nach der Reih.

Doch alle, welche kamen,
waren nicht so interessant,
als drei bildschöne Damen
nicht weit vom Neckarstrand.

Nach ihrem Fenster drüben
ging wohl so mancher Blick,
oft kam von den drei Lieben
ein holder Blick zurück.

Doch einen! ach! nur einen,
beglückt ein hold Gesicht;
Drei Sonnen taten scheinen,
uns leuchtet keine nicht.

Stufen

Hermann Hesse, 1877 - 1962

Wie jede Blume welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf`um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden....
wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Sagt mir wer ich bin

Isolde Kurz, 1853 - 1944

Sagt mir wer ich bin und wo mein Haus?
Sagt,von welcher Küste fuhr ich aus?
Wie mit eins in meinem schwachen Kahn
fand ich mich auf diesem Ozean?
Tausend Segler kreuzen meinen Kiel,
jeden kümmert nur das eine Ziel.
Wild auf Beute steuert der Korsar,
um mich droht und unter mir Gefahr.
Schimmern stolz die Segel auf der Flut,
denk ich wohl: die Fläche trägt mich gut.
Doch im Dunkel, das den Blick verhängt,
was beginnen, wenn mich Furcht bedrängt?
Große See, die du zum Spiel mich hast,
kleiner Nachen, der nur eines faßt.
Weiter Bogen, der sich drüber spannt,
ewige Lichter, wo, wo find ich Land?

Auf einer losen Steinplatte

Peter Härtling, geb.1933

Auf einer losen Steinplatte stehn,
in der frühen Sonne,
ehe der Tag
dich fortschickt,
und eine Balance halten,
die den Morgen dir glücken lässt,
immerhin dies.

Der Frühling

Friedrich Hölderlin, 1770 - 1843

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
die Tage kommen blütenreich und milde,
der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
vom Himmel abwärts, wo die Tag entstehen.
Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
so sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

Frühlingstrost

Ludwig Uhland, 1787 - 1862

Was zagst du, Herz, in solchen Tagen,
wo selbst die Dornen Rosen tragen?

Er ist`s

Eduard Mörike, 1904 - 1875

Frühling lässt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte
süsse wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon
wollen balde kommen
horch, von fern ein leiser Harfenton
Frühling ja du bist´s
dich hab ich vernommen.

Sprich auch Du

Paul Celan, 1920 - 1970

Sprich auch du, sprich als letzter,
sag deinen Spruch.
Sprich - 
doch scheide das Nein nicht vom Ja.
Gib deinem Spruch auch den Sinn:
gib ihm den Schatten.
Gib ihm Schatten genug,
gib ihm so viel,
als du um dich verteilt weisst zwischen
Mittnacht und Mittag und Mittnacht.

Blicke umher:
sieh, wie´s lebendig wird rings -
beim Tode! Lebendig!
Wahr spricht, wer Schatten spricht.
Nun aber schrumpft der Ort, wo du stehst:
wohin jetzt, Schattenentblösster, wohin?

Steige. Taste empor.
Dünner wirst du, unkenntlicher, feiner!
Feiner: ein Faden,
an dem der herabwill, der
um unten zu schwimmen, unten,
wo er sich schimmern sieht: in der Dünung
wandernder Worte.

Frühlingsglaube

Ludwig Uhland, 1787 - 1862

Die linden Lüfte sind erwacht,
sie säuseln und wehen Tag und Nacht,
sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muss sich alles, alles wenden.
Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
man weiß nicht, was noch werden mag,
das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun armes Herz, vergiss die Qual!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Poesie

Justinus Kerner, 1786 - 1872

Poesie ist tiefes Schmerzen
und es kommt das echte Lied
einzig aus dem Menschenherzen,
das ein tiefes Leid durchglüht.

Doch die höchsten Poesien
schweigen wie der höchste Schmerz,
nur wie Geisterschatten ziehen
stumm sie durchs gebrochne Herz.

Frühlingsglaube

Ludwig Uhland, 1787 - 1862

Die linden Lüfte sind erwacht,
sie säuseln und weben Tag und Nacht,
sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag.
Man weiss nicht, was noch werden mag,
das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tag;
nun, armes Herz, vergiss die Qual;
nun muss sich alles, alles wenden.

Tübingen - Dorf am Neckar

Dort am Neckar, zwischen frisch ergrünten Trauerweiden verborgen, liegt der gelbe Turm, in dem Hölderlin, in seiner eigenen Welt versunken, sein halbes Leben verbracht hat, mit Blick auf die Stadt, die Wiesen, den Fluss. Viele Dichter haben ihn besucht, Schaulustige, Leser, die meisten fanden ihn geistesabwesend, höflich. "Mein Herr, mein Herr", sagt er, manche hat er "hinter den Ofen gebrüllt", wie es heißt. Einmal kam auch Eduard Mörike zu Besuch, nein er kam öfter, aber diesmal mit seinem Freund, dem Dichter Wilhelm Waiblinger, der den versunkenen Hölderlin oft hinauf, auf die Wielandshöhe führte, in einen chinesischen Turm mit Blick über die Alb. "Oben angelangt, und ins Zimmer eintretend, verneigte sich Hölderlin jedesmal, indem er sich meiner Gunst und Gewogenheit aufs Angelegentlichste empfahl", schrieb Waiblinger später. Hölderlin schritt ans Fenster, schaute hinaus, beschrieb, was er sah, lobte, was er sah, dann, so Waiblinger, "setzte er sich an mein Pult, fing an ein Gedicht zu schreiben: der Frühling, schrieb aber nur 5 gereimte Zeilen und übergab sie mir mit einer tiefen Verbeugung."

Waiblinger war erschüttert und glücklich und stolz. Den Frühling hatte der entrückte Hölderlin bedichtet, für ihn. Wir wissen nicht genau, welches Frühlingsgedicht er an diesem Tag dem Freund überreichte. War es dies? "Der Mensch vergißt die Sorgen aus dem Geiste, der Frühling aber blüht, und prächtig ist das meiste, das grüne Feld ist herrlich ausgebreitet, da glänzt schon der Bach hinuntergleitet. Die Berge stehn bedecket mit den Bäumen, und herrlich ist die Luft in offnen Räumen. Das weite Tal ist in der Welt gedehnet und Turm und Haus an Hügeln angelehnet." Waiblinger jedenfalls war vom Frühlingsglück beseelt. Sein Begleiter Mörike weniger. Auch er schätzte Hölderlin, doch war ihm der hohe Ton auch unheimlich. Über den "Hyperion" hatte er geurteilt: "so krank, so pusillanim (kleinmütig), hypochondrisch und elend". Und vielleicht nahm er in diesem Frühling das Jahreszeitengedicht Hölderlins besonders kritisch auf, weil er selbst ein Gedicht über den Frühling geschrieben hatte - nicht irgendeines, sondern das Gedicht, das bis heute eines der populärsten und schönsten Gedichte über den Frühling geblieben ist. Kurz zuvor, es war noch Winter, hatte er es geschrieben, das er später in den "Maler Nolten" einfügen wird. Das Gedicht mit dem Fanfaren-Titel "Er ist´s", und das geht (Sie wissen es ja, aber es muss hier unbedingt noch einmal stehen) so: "Frühling läßt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte; / Süße, wohlgekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land. / Veilchen träumen schon, / Wollen balde kommen. / Horch, von fern ein leiser Harfenton! / Frühling, ja du bist´s! / Dich hab ich vernommen."

Das blaue Frühlingsband, ein Dichter, der die Träume der Veilchen unter der Erde kennt und die neue Jahreszeit als musikalische Ahnung aus der Zukunft herüberklingen hört. Das ist Tübingen im Frühling. Ein Traum. In diesen Tagen, abends auf den Treppen vor der Stiftskirche, junge Menschen in Gruppen, Flaschenbier, Gitarren statt Harfen, da ahnt man nicht nur den Frühling, da ist man mittendrin. Hier, am Holzmarkt, hat Hermann Hesse seine Buchhändlerlehre gemacht, hier verfasste er den "Hermann Lauscher", das Frühlingsbuch, in dem er schreibt: "Da waren helle Morgen, an denen ich, ins Gras gestreckt, den Kopf auf den Händen, über das von Sonne flimmernde, gekräuselte Meer der Gräser hinwegschaute, in welchem rote Inseln von Mohn, blaue Glockenblumen und lilafarbene von Schaumkraut lagen." Natürlich hat dieser Hermann Hesse auch über die drei Dichter geschrieben, hier, in Tübingen, über Waiblinger, Mörike, Hölderlin, ihre Wanderungen, ihr Schauen in die Natur, ihr Naturbedichten. "Im Presselschen Gartenhaus" heißt die Erzählung. Und er selbst bedichtet darin das scheinbar Unveränderliche, das ewige Grün, die Stadt, so, wie er sie sah, wie Hölderlin sie schon sah und wie sie heute auch noch ist: "Ein schöner, freudiger Frühlingsommertag war über die Alb heraufgestiegen und stand festlich über der Stadt Tübingen, über Schloß und Weinbergen, Neckar und Ammer, über Stift und Stiftskirche, spiegelte sich, zarte Wolkenschatten über das grellsonnige Pflaster des Marktplatzes."

Es ist nicht leicht, hier, in Tübingen, im Frühling nicht in zu hohem Ton zu jubeln. Aber es ist einfach unglaublich schön und idyllisch und grün und alt und weich. Die Grillgruppen im Alten Botanischen Garten, die Jonglierer, Debattierer, Sänger, all die Menschen, die wirken, als wären sie sechs Monate lang eingesperrt gewesen in ihren Wohnungen, und das waren sie ja auch, und jetzt tanzen sie heraus und entdecken sich und die Welt wie neu. Wer weiß, wie lang der Frühling dauert, wie viele Frühlinge noch kommen. Denn, auch das hat Hölderlin in Tübingen gedichtet, den Abschied vom Frühling für immer, in diesen Zeilen: "Das Angenehme dieser Welt hab´ich genossen. Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen. April, Mai und Julius sind ferne, ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne!"

Der Frühling soll siegen. Er ist´s. Er bleibt´s. Arbeiten kann man später noch. Oder gar nicht mehr. Lieber Gedichte lesen, Veilchen beim unterirdischen Träumen zusehen, an den Neckar reisen, Botschaften schreiben, grillen, dichten, schauen, feiern. 

 

Gäbe es einen Preis für die Faulfotografen-freundlichste Stadt Deutschlands, Tübingen trüge ihn mühelos davon. Sie steigen aus dem Zug, halten sich rechts, biegen links in die Karlstraße ab, schlendern weiter zur Eberhardsbrücke - schon liegt die Schönstseite der Stadt instagrammierfertig für Sie bereit. Anderswo müssten Sie für so was auf die Berge kraxeln oder mit dem Tretboot an eine ganz bestimmte Stelle im Stadtparksee manövrieren. Also schnell das Pflichtfoto knipsen, das man heute von allen Unternehmungen braucht. Sieht ja auch schön aus, wie sich die pastellfarbenen Häuser eng aneinanderdrücken. Erinnert an die Bottiche in der Auslagentheke einer Eisdiele: Erdbeer, Waldmeister, Mokka.

Links unten klebt der Hölderlinturm dran, bleichgelb wie ein Reclam-Heft, das zu lange in der Sonne gelegen hat, vor Beginn der Semesterferien auf einer Parkbank vergessen. Solche Vergleiche fallen einem ein, wenn man vom Fotografierplatz in die mächtige Platanenallee schaut. 

Tübingen hat keine Universität, Tübingen ist eine Universität, sagt man hier gerne. Es ist jedenfalls eine Kulisse, die Trost spendet für alle, die ihren Abschluss in Bochum oder Hamburg gemacht haben. Ein kleiner Spaziergang - und schon glaubt man sich in einer Zeit, als die Studenten noch sangen.

Dazu muss man nun allerdings doch ein bisschen klettern: Wechseln Sie die Straßenseite, und steigen Sie die Treppen hoch zum Österberg. Hier oben liegen die Häuser der Studentenverbindungen - stattliche Villen mit applizierten Erkern und Türmchen. Spazieren Sie vorbei an Stuttgardia und Franconia, und schlendern Sie dann eine Schleife entlang der Stauffenbergstraße zu Rhenania, Normannia und all den anderen - ias. Versuchen Sie - Hefte raus, unangekündigter soziologischer Praxistest! -, anhand der Äußerlichkeiten ihrer Bewohner Rückschlüsse auf den Liberalitätsgrad der jeweiligen Verbindung zu ziehen.

Steigen Sie dann wieder hinab zur Altstadt, dieses Mal nicht über die Treppen, sondern entlang der Doblerstraße. Ein Gebäude auf Ihrer linken Seite ist spektakulär mit Stacheldrahtrollen verwundert - kein Schutz vor Einbrechern, sondern vor Ausbüxern, hier ist die Außenstelle der Rottenburger Justizvollzugsanstalt untergebracht. Gleich daneben, damals praktisch, heute makaber: die alte anatomische Abteilung der Universität, wo man die Körper verstorbener Häftlinge aufschnitt.

Am Fuß des Österbergs angekommen, halten Sie sich rechts, queren vorsichtig die Straße, um nicht von den radelnden Studentenrudeln überfahren zu werden, und spazieren über den Stadtgraben in die Nonnengasse. Hier machen Sie Pause im Café Binder, einer der schönsten gastronomischen Schneekugeln der Stadt. Das Cafè wurde Mitte der siebziger Jahre eröffnet, doch die gelben Plisseelampen und roten Ledersessel dürften noch aus den Sechzigern stammen. Die adrett-kantige Atmosphäre bietet den idealen Rahmen für Besuche besorgter Eltern, die Sohn oder Tochter zu mehr Fleiß beim Studium anhalten wollen. Bei jedem Binder-Besuch kann man mindestens einen dieser Bummelanten entdecken, wie er mit duldsamer Miene, Torte mümmelnd, den Sermon über sich ergehen lässt.

Nach der Kaffeepause spazieren Sie über die Lange Gasse hoch zur Stiftskirche. Dann weiter in die Münzgasse, um ein feines Beispiel für studentischen Humor zu besichtigen: An einem Studentenwohnheim ist ein Schild mit der Aufschrift "Hier kotzte Goethe" angebracht - eine Parodie auf die Gedenktafel am nahen Cotta-Haus, wo der Dichter für eine Weile einquartiert war und zum Dank in einem Brief, nun ja: abkotzte. Die Umgebung sei ja ganz hübsch, aber die "Stadt selbst ist abscheulich".

Bevor Sie das auch noch so sehen, machen Sie lieber kehrt. Sie haben ja Ihr Beweisbild im Speicher und ein Stück Kuchen im Bauch. Dazu die tröstliche Gewissheit, dass sich bis zum nächsten Besuch nichts Wesentliches verändern wird. Studienziel erreicht.